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Test: Maerz@Home-Kochbox – Sterne-Essen daheim?

Wie gut ist das Lieferessen auf Sterne-Niveau? Und wie viel Arbeit macht das?

Gutes Essen ist was Schönes. Ich kann mich gleichermaßen für perfekt frittiertes Hühnchen, authtentisches chinesisches Essen, Linsensuppe oder guten Aufschnitt begeistern. Aber manchmal darf es auch ein wenig Fine Dining aus der Welt von Guide Michelin, Falstaff und Gault&Millaut sein. Und das gibt es von 1-Stern-Koch Sebastian Maerz als Kochbox für daheim - ein Erfahrungsbericht.

Sterne-Niveau im Sauerland ...

222 Euro für Lieferessen für 2 Personen - und kein Kellner, der reicht und erklärt, keine Köche, die in der Küche werkeln, kein Sommelier, der die Noten im Wein erklärt. Preislich liegt man mit 111 Euro pro Person inklusive Weinbegleitung im eher günstigen Rahmen von Michelin-Empfehlungen. Dennoch: Wer sich auf das Experiment Kochbox einlassen möchte, möchte vielleicht vorher mehr als nur die Speisenfolge sehen. Vor allem dürfte sich die Frage stellen: Wie schwierig und aufwändig ist das eigentlich?

Kurz vorab zum Warum: Hier in Köln ist es einfach, mal eben einen Fine-Dining-Abend einzulegen, gleich ob mit oder ohne Stern oder Haube oder was auch immer - die Auswahl ist groß. Nun wollte ich das auch mal meiner Mutter zukommen lassen, die zwar gutes Essen gewohnt ist, aber im Sauerland ist dieses Niveau dann doch nicht immer direkt vor der Tür zu finden. Und auf gut eine Stunde Anfahrt hat nicht jeder Lust (ich zum Beispiel). Also habe ich mich auf die Suche nach "Sterne-Lieferessen" gemacht und das Angebot von Benjamin und Christian Maerz gefunden.

kochboxen.
Kochboxen gibt es auch mit Fleisch, ohne Tier, für Griller ...

Das Restaurant Maerz findet sich im schwäbischen Bietigheim-Bissingen und ist mit einem Stern vom Guide Michelin ausgezeichet, für "kreativ französich moderne Küche". Und dazu gehört eben auch ein Shop mit Kochboxen.

Ein Wort noch zu den Fotos: Verzeiht mir, das Essen stand im Vordergrund, also habe ich nur hier und da mal eben mit dem Handy geknipst. Daher ist die Ausleuchtung nicht immer gut, die Suppe habe ich ganz vergessen und eigentlich hätte ich auch gerne von der Zubereitung viel mehr Bildmaterial ..., aber es war eben ein privates Essen, kein Arbeitstermin :)

Die Kochbox

Ich hatte mich für die Kochbox 2 entschieden, die Fisch-Variante. Die genaue (blumige) Beschreibung findet Ihr auf der Maerz-Homepage, hier der Inhalt als nüchterne Liste:

  • Brot mit Butter und Gewürzsalz
  • Gruß aus der Küche: Mini-Poke-Bowl
  • Vorspeise: Geräucherte Lachsforelle, Törtchen aus Erbsen und Zuckerschoten, Salat
  • Zwischengang: Spargelsuppe mit ausgebackener Lachs-Praline
  • Hauptgang: Fisch-Roulade, Hummer-Maultasche, Bärlauch-Gnocci, Buttersauce
  • Nachtisch: Schnitte mit Erdnuss, Schokokuchen, Mango, Crumbles + Macarons
  • Weinbegleitung: 4 Fläschchen für je 2 Gläser

Die Lieferung erfolgt per Over-Night-Express mit Go - und war bei uns suboptimal. Die Box kam pünktlich an, der Inhalt war gekühlt, allerdings hat der Bote das Paket wortlos vor die Tür gestellt. Und das während der Hitzewelle im Mai, sprich bei Außentemperaturen von knapp 30 Grad. Super Leistung ...

Die Zubereitung

Laut Maerz dauert die Zubereitung 30 Minuten und geht ganz schnell. Und dann kommt eine Box mit 20 einzelnen Päckchen und 4 Flaschen. Alles war ordentlich beschriftet, Speise- und Getränkekarten sowie eine ziemlich gute Anleitung lagen bei. Eines gleich vorab: Wer nicht kochen kann, wird kaum Freude haben! Warum, seht Ihr beim Hauptgang :)

Brot-Gang: Das Brot kommt kurz in den Ofen, Butter und Salz dazu, fertig.

Gruß aus der Küche: Auspacken, hinstellen, fertig.

Vorspeise: Törtchen, Fisch, Salat anrichten, Vinaigrette dazu, fertig.

Suppe: Suppe sanft erwärmen, Suppeneinlage (Spargel-Scheiben) in den Teller, Lachs-Praline ausbacken, anrichten. Der Aufwand ist gering, man sollte den Herd gut kennen, damit die Suppe nicht kocht. Das Ausbacken der Pralinen sollte eigentlich jeder hinbekommen - einfach ordentlich Butter in eine beschichtete Pfanne, so viel Hitze, dass es gerade eben bräunt.

Hauptgang: Auch hier muss man kein Koch sein, aber man sollte strukturiert arbeiten können - es passiert viel gleichzeitig:

  1. Fisch in (heiße) gefettete Ofenform geben, 15 Minuten bei 130 Grad - alle Folgeschritte sollten in diesen 15 Minuten stattfinden und auch halbwegs gleichzeitig fertig werden!
  2. Kohlrabi mit etwas Butter im Topf erwärmen, nicht kochen.
  3. Maultaschen 3 Minuten sanft kochen, dann mit etwas Nudelwasser und Butter in einer Pfanne schwenken.
  4. Gnocci in Butter braten.
  5. Buttersauce erwärmen, nicht kochen.

Für den Hauptgang jongliert man also mit 6 Töpfen/Pfannen, 8 Zutaten und 2 Tellern. Und zumindest Gnocci und Maultasche ließen sich hier wirklich versauen, wenn man nicht aufpasst.

herd.
Zubereitung: 5 Minuten später war hier eine Menge los ...

Dessert: Schnitte, Mango, Crumbles anrichten, Macaron dazu, fertig.

Wirklich "gemacht" werden muss also nur bei Suppe und Hauptgang. Beim Hauptgang muss nichts Kompliziertes gemacht werden, nur viel gleichzeitig.

Das Essen

Ich werde mich hier nicht zum Gastro-Kritiker aufschwingen und Tim-Raue-mäßige Geschmacksbeschreibungspoesie verzapfen - aber kurz und bündig meine persönliche Meinung kundtun:

Brot: Hausgemachtes Brot mit Walnüssen und (zumindest) Feigen - ziemlich perfekt!

brot.
Brot: Perfekt - so gut, dass ich fast das Foto vergessen hätte ...

Gruß aus der Küche: Eine Mini-Poke-Bowl, die aus einer irrwitzigen Anzahl an Zutaten zu bestehen schien - nur zwei Löffel, aber ein Dutzend Geschmäcker und Konsistenzen.

gruß aus küche.
Gruß aus der Küche: Mini-Poke-Bowl

Vorspeise: Mein persönliches Highlight. Der Fisch wird als Sashimi angekündigt, ist aber ganz leicht geräuchert und gewürzt - wer Angst vor rohem Fisch hat, muss hier keine haben. Vor allem aber das Törtchen überzeugt, geschmacklich wie handwerklich: Eine Mousse auf (tippe ich mal) Buchweizen-Boden und mit irgendeiner interessanten Flüssigkeit gefüllt.

Weinbegleitung: Weingut Hammel, Sauvignon Blanc - sehr gut, sehr mild.

vorspeise mit lachs.
Vorspeise - und mein Highlight: Erbsen-Zuckerschoten-Küchlein mit Räucherlachs

Suppe: Die recht dünnflüssige, aufgeschäumte Suppe war sehr gut und deutlich anders als klassische deutsche/französische Spargelsuppe - wesentlich leichter. Die allenfalls blanchierten Spargelscheiben als Einlage haben erstaunlich gut funktioniert, tolle Konsistenz. Die Lachs-Praline fand ich sehr gut, meine Mutter hätte drauf verzichten können.

Weinbegleitung: Weingut Martin Notz, Lemberger Reserve Rosé - leicht, rund, Highlight der Begleitung.

Hauptspeise: Beim Fisch waren wir geteilter Meinung. Statt der angekündigten Rotzunge im gerösteten Nori-Blatt gab es eine Roulade in klassischem Kohl - und dass es immer kleine Änderungen geben kann, steht natürlich auch bei Maerz.

hauptspeise mit fischroulade.
Hauptgang: Fisch-Roulade, Bärlauch-Gnocci, Hummer-Maultasche, Kohlrabi

Die Roulade bestand aus Fischfilet, dann eine Farce dann Kohl. Der Fisch selbst ist vielleicht ein wenig untergegangen, dennoch sehr lecker. Meine Mutter konnte damit allerdings gar nichts anfangen. Es war eine tolle Fischkohlroulade - aber eine Fischkohlroulade ist halt nichts für jeden ;)

fischroulade aufschnitt.
Handwerk!

Einig waren wir uns beim Kohlrabi: Dieser hatte eine sehr deutliche saure Note, die ich ehrlich gesagt so gar nicht verstanden habe. Das war eher ein sehr rundes Gericht, nichts mit Ecken und Kanten.

Die Maultasche allerdings war sehr gut, ebenso die Buttersauce - und die Bärlauch-Kartoffeltaschen, die ich einfach mal Gnocci nenne ..., waren so gut, dass ich sie definitiv nachmachen werden (nun, ich werd's versuchen).

Alles in allem empfanden wir beide den Hauptgang als den Schwächsten. Zur Ehrenrettung: Bei der Roulade ist mir vielleicht ein Fehlerchen unterlaufen. Diese sollte in eine gefettete Ofenform - und ich vermute, diese hätte heiß sein sollen! Ich habe eine kalte Form in den Ofen gestellt und so den Garpunkt vielleicht ein wenig unterschritten.

Weinbegleitung: Weingut Arndt Köbelin, Grauburgunder Spätlese trocken - vollmundig, rund, sehr angenehm (eingefleischten Weißweintrinkern vielleicht schon zu voll/"spätlesig").

Nachtisch: Was soll ich sagen ... Ich will einfach nur mehr davon! Die Kuchenschnitte nennt sich zwar Delice, ist aber dennoch "nur" ein modern geschnittener Schichtkuchen, nur halt sehr sehr gut. Der Joghurt-Crumble war perfekt, das Mango-Chutney ebenfalls und das Macaron ein sehr befriedigender Schlusspunkt.

Weinbegleitung: Weingut Peter Jakob Kühn, Riesling Spätlese lieblich - ein Dessert-Wein, süßlich, fruchtig, würden auch Kinder mögen ;) Meiner Mutter eindeutig zu süß, daher alles für mich, auch ein Qualitätsmerkmal.

nachtisch.
Dessert: "Schichtkuchen" mit Chutney, Crumble und Macaron

Fazit

Ganz einfach: Es lohnt sich! Handwerk, Geschmack, Zusammenstellung, Weinbegleitung - es passt einfach und kann sich durchaus mit einem Besuch in Fine-Dining-Läden vergleichen lassen. Nun, das Ambiente sollte einigermaßen passen. Bei mir daheim wäre das alles weniger erfreulich gewesen - das Gesamterlebnis hätte einfach nicht gepasst.

tisch.
Lecker wäre es auch auf'm Picknicktisch - aber Ambiente gehört schon dazu

Allerdings: Man sollte geplant und in Ruhe vorgehen und alle Zutaten für alle Gänge parat stellen - schließlich geht es ja primär ums Essen, nichts ums Zubereiten. Und da die Menüs immer für zwei Personen ausgelegt sind, sitzt entweder irgendwer allein am Tisch oder man stört sich gegenseitig in der Küche. Kein Hexenwerk, aber es ist eben was anderes, als eine Lieferando-Pizza.

Ach, eines noch - die Arbeit nach dem Essen, denn Ihr brauchtet, ungefähr:

  • 4 Töpfe
  • 3 Pfannen
  • mind. 4 Gläser (Wasser, Wein)
  • 10 - 12 Teller
  • 1 Haufen Besteck

Von Maerz gibt es noch weitere Kochboxen. Die Signature-Box liegt inkl. Weinbegleitung bei 272 Euro, dafür gibt es einen zusätzlichen Aperitif samt Fingerfood, einen weiteren Zwischengang und den Hauptgang mit Rinderfilet. Letzteres war auch der Grund für die Fischbox, denn das auf 56 Grad gegarte Filet wäre Muttern zu roh gewesen. Und wenn man schon Essen auf diesem Niveau ordert, sollte man eher nicht anfangen, die Dinge noch groß zu verändern. Und ein gutes Filet durchzugaren bringe ich genauso ungern übers Herz wie Köche :)

Ach, zum Schluss noch ein Wort zum üblichen Sterne-Küchen-Klischee des Nicht-Satt-Werdens: Vergesst es! Ganz generell bin ich noch nie aus so einem Laden gekommen, ohne pappsatt zu sein - die Menge der Gänge macht es. Außerdem bekommt man eigentlich immer Brot und eine Sättigungsbeilage (stand so wörtlich auf der Gnocci-Packung!), die den Hunger bändigen.

Von Benjamin Maerz gibt es übrigens auch ein Kochbuch (keine Ahnung ob das taugt, aber irgendeinen Affiliate-Link muss ich ja unterbringen):

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Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help und VoltAmpereWatt.de. Neu: Mastodon

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